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Die Leine :

                    Man könnte auch sagen "Signale vom verlängerten Arm!"

Ob Molosser im Mesopotamien der Frühgeschichte oder Wachhunde im alten Rom, ob Hirtenhunde im alten Mittelalter oder moderne Begleithunde in der Stadt- allen ist eines gemeinsam: die Leine, die sie an den Menschen bindet.

Dass die Hundeleine auf rund 4000 Jahre Geschichte zurückblicken kann, dass sie trotz des neuzeitlichen Verständnisses für die Seele des Hundes und für hundgerechte Ausbildung nach wie vor existiert, gibt zu denken. Zum Beispiel darüber ob die Leine nur bindet... oder nicht auch verbindet. Das fängt schon beim Welpen an. Für den ist die Leine einerseits ein Sicherheitsgurt, der ihn einerseits daran hindert, zum Beispiel unbedacht über die Straße zu rennen, andererseits wie eine Nabelschnur, die ihn während der Erkundungsgängen außerhalb von Haus und Garten mit ihnen, dem vertrauten Menschen verbindet. Viele Welpen führen einen recht publikumswirksamen Teufelstanz auf, wenn man sie erstmal an die Leine nimmt, denn die plötzliche Freiheitsbeschränkung gefällt ihnen überhaupt nicht. Dann sieht es aus als wäre die Leine ein megaböses Folterwerkzeug und der Zweibeiner ein furchtbarer Tierquäler.

Aber erstens hat die Natur grenzenlose Freiheit selbst für den süßesten Welpen nicht eingeplant, weshalb die Erfahrung solcher Grenzen wichtig und notwendig für ihn ist. Und zweitens überlegen sie mal, ob die leinenlose Alternative nicht viel böser ist: Da wird nämlich von einem dreimonatigem Hündchen verlangt, dass es sich inmitten der neuen Reize von Kraftfahrzeugen, Verkehrlärm, fremden Hunden, Menschenmengen, ekligen Gerüchen, Objekten und Subjekten, die es vorsätzlich erschrecken, richtig verhält, Gefahren ausweicht, Risiken abschätzt, Sicherheit erkennt......

Im städtischen Lebensraum ist so etwas sträflicher Leichtsinn und eine Überschätzung hundlicher Einschätzungsfähigkeit oder Instinktleistung.

An der Leine dagegen kann Ihr Welpe systematisch in bestimmte Situationen hineingeführt werden und mit Ihrer Unterstützung lernen, wie er sich angemessen verhalten muss. Das er beispielsweise am Bordstein stehen bleiben muss, keine Passanten anspringen darf und nicht jedem Artgenossen entgegen läuft, wo er gerade geht und steht etc.

Die Leine lehrt ihm aber noch viel mehr. Etwa, in bestimmter Umgebung- Straßenbahn, U-Bahn, Wochenmarkt usw. - ausnahmslos immer dicht an Ihrer Seite zu bleiben. Lernt er dies als einzige, selbstverständliche Möglichkeit kennen, werden sie später wenig Mühe haben, diese Gewohnheit gegebenenfalls ohne Leine aufrecht zu erhalten.

Ferner lernt schon der kleine Knirps auf die subtiler Signale zu achten, die Sie ihm über den Lederriemen vermitteln.  Gemeint ist nicht das kurze Rucken an der Leine, um Geschwindigkeit und Richtung des Vierbeiners zu korrigieren, sondern das kaum merkliche Vibrieren Ihres Körpers, wenn Sie gereizt sind, das spontane, festere Umfassen der Leine, wenn Sie sich erschrecken, der entsprechend sanftere Griff, wenn Sie entspannt und zuversichtlich, sind, und vieles mehr. Ihr Welpe spürt via Leine wie über einen Telegrafendraht oder eine Nervenbahn - ihre Stimmungen und trainiert sich dazu, zu reagieren.  Dabei hängt es von seinem Wesen und Ihrer Position in seinem Weltbild ab, ob er Ihre, vielleicht unbewusste Unsicherheit oder gar Furcht beim Herannahen spezieller Hunde, Betrunkener, Jogger zum Anlass nimmt, den "Wilden Mann" zu mimen oder ganz cool auf den eigenen gesunden Hundeverstand zu bauen.  Jedenfalls müssen Sie diese  unbeabsichtigten und kaum kontrollierbaren Mittellungen bei der Benutzung der Leine stets Mitbedenken, damit Sie Ihren Vierbeiner nicht durch widersprüchliche verbale und emotionale Befehle verwirren!  Das ist besonders wichtig, wenn Sie einem ängstlichen Welpen Selbstvertrauen einflößen möchten.  Alles süße Gerede nützt herzlich wenig, spürt der Kleine, dass Sie selbst, übertrieben ausgedrückt, wie Espenlaub zittern beim Anblick des großen Hundes!

Signale müssen eindeutig sein

Im Falle eines übermütigen großmäuligen Junghundes liegt die Sache ähnlich.  Ihm ein strenges Nein!" in die Ohren zu schleudern, sobald er sich kampflustig an andere Geschlechtsgenossen heranmachen will, ist schön und gut.  Halten Sie jedoch gleichzeitig die Leine locker, sodass er seine kleinen Vorstöße gegen die anderen unternehmen kann, weil Sie es in Wahrheit oder unbewusst genießen, so einen schneidigen Hund zu besitzen - wird das "Nein!" wenig Wirkung zeigen!  Es ist wirklich nicht dumm, so eine Art eigener Körperbewusstheit bei der Leinenführigkeit zu entwickeln und sich dazu zu erziehen, verbale Kommandos via Leine zu bestätigen.

So wichtig Sozialkontakte mit Artgenossen auch sind, so wichtig ist es umgekehrt, schon den Junghund zu lehren, dass die Präsenz fremder Hunde für ihn nicht automatisch "Leinen los und volle Kraft voraus!" bedeutet. Auch wenn diese Unternehmung nur in einer Lektion zum Thema, Leinenführigkeit unter Ablenkung", verbunden mit ganz viel Lob und einer extra guten Belohnung, besteht. Eine weitere Erfahrung, die Sie schon Ihrem angeleinten Welpen ermöglichen müssen, betrifft seinen Gleichmut bei der Begegnung mit ebenfalls angeleinten oder freien Kollegen

Der Kontakt mit fremden Vierbeinern darf dann über die rituelle Begrüßung nicht hinausgehen.  Diese gestatten Sie, aber dann geht's bei Fuß getrennter Wege.

Versuchen Sie unter allen Umständen, Hunde zu melden, die Ärger versprechen. Denn kaum etwas ist traumatischer als einen jungen Hund, als angeleint von Großen fertig gemacht zu werden.

Die Existenz der Leine enthebt Sie, den Hundehalter, nicht von der Notwendigkeit, Ihren Vierbeiner wenigstens zum grundlegenden Gehorsam zu erziehen, denn gerade durch die Lehrer- Schüller- Beziehung entwickelt sich allmählich eine innere Bindung, eine freiwillige Anbindung des Hundes an Sie, die dafür sorgt, dass die äußere, sichtbare Leine zum Ausdruck von Verbindung wird und aufhört, bloß ein Strick zu sein, der den Hund einfach zwingt, Sie durchs Leben zu begleiten.

 

Autorin dieses Beitrages: Sabine Middelhaufe/ gelesen und bearbeiten: Frank Jesgarz

 

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